Heilige Odilie

Alte Legenden berichten

OdilienstatueUm das Jahr 662 wird dem Herzog Etricho auf der Hohenburg im Elsass ein blindes Töchterlein geboren. Der enttäuschte Vater verstösst das Kind (weil es blind zur Welt kam und ein Mädchen war), und so bringt es die fromme Mutter Berswinda nach Burgund ins Kloster Balma.
Hier wächst Odilia auf und erhält bei ihrer Taufe durch den hl. Bischof Erhard das Augenlicht.
Zu einer schönen Jungfrau herangewachsen, kehrt sie aufs väterliche Schloss zurück. Nach dem Willen des Vaters soll sie nun an einen reichen Edelmann verheiratet werden.
Doch Odilia hat ihr Leben Gott geweiht und flieht über den Rhein. Hier im einsamen Musbachtal im Breisgau, St. Ottilien, findet die von den Verfolgern Bedrängte auf wunderbare Weise Zuflucht in einem Felsen.
Etricho, durch diesen Wink des Himmels bekehrt, schenkt nun seiner Tochter die Hohenburg im Elsass (der heutige Odilienberg) zur Gründung eines Klosters, wo sie bis zu ihrem seligen Tod im Jahre 720 als Äbtissin segensreich wirkt.
Der Odilienberg mit seinem Kloster und der dortigen Grabstätte der Hl. Odilie ist auch heute noch ein vielfach besuchter Wallfahrtsort mit einem sehr schönen Blick in die Rhein-Ebene.

Schamanin, Sakralkönigin, Heilige

Die Merowingerprinzessin Odilia ist der Ausgangspunkt einer Reise durch Raum und Zeit, zu germanischen und keltischen Riten, mittelalterlichen Bräuchen und göttlichen Legenden.
Von dem geheimnisumwobenen Odilienberg und dem Kloster Hohenberg im Elsaß führt der Weg zu weiteren mythischen Kraftorten und vergessenen Heiligtümern.
Petra van Cronenburg spannt den Ariadnefaden vom Neolithikom über das Mittelalter bis in die Gegenwart und erhellt mit neuen Dokumenten das Leben der heiligen Odilia. In der Synthese von Spiritualität und Kulturgeschichte dringt sie zu den Wurzeln des modernen Menschen vor.

Ökumenisches Heiligenlexikon Odilia (Ottilie)

Gedenktag katholisch: 13. Dezember Regionalkalender Freiburg im Breisgau
Gedenktag evangelisch: 13. Dezember Name bedeutet: die Kleines Besitzende (althochdt.)
Klostergründerin, Äbtissin * um 660 im Elsass + 720 (?) im Kloster Niedermünster südlich Straßburg im Elsass
Odilia war eine Tochter des Herzogs Athich aus dem Elsass. Sie gründete 690 das später nach ihr benannte Kloster Odilienberg als Augustiner-Chorfrauenstift und stand ihm als Äbtissin vor.
Zehn Jahre später erfolgte ihre zweite Klostergründung am Fuß des Berges: das Kloster Niedermünster mit Spital und heilkräftiger Quelle, dessen Platz ihr nach der Überlieferung Johannes der Täufer in einer Vision gezeigt hatte.
Die Legende berichtet, dass ihr Vater seine blind geborene Tochter Odilia töten lassen wollte, die Mutter Bethsvinda sie aber retten konnte und durch eine Amme in das Kloster "Palma" - wohl das heutige Baume-les-Dames - bringen ließ. Dort wurde Odilia das Augenlicht geschenkt, als der durch einen Engel zu ihr gewiesene Wanderbischof Erhard von Regensburg sie taufte.
Ihr jüngerer Bruder ließ sie nach Jahren wieder nach Hause holen, der unzugänglich zornige Vater schlug seinen Sohn so, dass der tot niederstürzte; Odilia erweckte ihn wieder zum Leben und musste nun abermals vor dem Vater fliehen.

Odilien-KapelleVor dem sie verfolgenden Vater verbarg sie sich in einer Höhle bei Arlesheim; herabstürzende Steine verwundeten den Vater schwer. Nach Jahren besuchte Odilia den inzwischen schwerkranken Vater, der wollte sich mit ihr versöhnen, sie erhielt von ihm den Platz auf der Hohenburg, um ein Kloster erbauen zu lassen. Dort pflegte sie auch ihre Eltern bis zu deren Tod. Die Überlieferung berichtet auch, wie die sterbende Odilia ihre Schwestern zum Gebet in die Kirche sandte. Als sie zurückkamen, fanden sie Odilia tot.
Von ihren inständigen Gebeten ins Leben zurückgerufen, erklärte Odilia: "Warum beunruhigt ihr euch? Lucia war bei mir und ich sah und hörte, was man mit Augen nicht sehen, mit Ohren nicht hören, sondern nur mit dem Herzen wahrnehmen kann." Dann ergriff sie selbst den Kelch, nahm die Kommunion und starb. Dieser Kelch wurde noch 1546 auf dem Odilienberg gezeigt, lange Zeit gab man den Pilgern aus ihm zu trinken.
Auf dem Odilienberg liegt Odilia bestattet; er gilt als der "heilige Berg des Elsass", Odilias Grab ist eine der bedeutendsten Wallfahrtsorte in Frankreich. Auch nach der Zerstörung des Klosters Niedermünster durch einen Brand im Jahr 1542 gilt die dortige Quelle als hilfreich bei Augenleiden.
Kanonisation: Papst Pius VII. erklärte 1807 Odilia zur Patronin des Elsass
Attribute: zwei Augen Patronin des Elsass; der Blinden; gegen Augen-, Ohren- und Kopfleiden

Clemens Zerling/Bettina Riese Odilienberg, der elsässische "Karmel"

Wer sich westlich von Straßburg in Richtung der Westvogesen aufmacht, kann bei gutem Wetter den heiligen Berg des Elsaß ausmachen, der nach der Patronin des Landes Odilienberg getauft wurde. Scheint die Sonne, liebt sie es, sich im Dach des Klosters, aber auch in der überdimensionalen Statue der Heiligen auf dem Berg widerzuspiegeln. Wie ein Diamant leuchtet dann die Bergesspitze auf und sendet ihre Strahlen weit ins Land, ein Phänomen, das dieser Örtlichkeit den Namen einer Gralsburg einbrachte. Funde beweisen, daß mindestens schon 2000 v. Chr. hier oben Menschen siedelten.

Tausend Jahre später soll die sogenannte Heidenmauer errichtet worden sein, ein Befestigungswall, dessen Ausmaß alles übersteigt, was man in Europa aus dieser Zeit bisher gefunden hat. Über zehn Kilometer lang, über einen Meter dick und bis zu vier Meter hoch, schließt sie das Bergplateau und seine Umgebung ein.Vielleicht hielt sich ein ganzes Volk auf diesem hundert Hektar großen Gelände auf. Zumindest muß bei der damaligen Bevölkerungsdichte das ganze obere Rheintal daran gebaut haben.

Eine Stadt, ein Zufluchtsort? Weder wurden Waffen noch ausreichend andere Gegenstände gefunden, die einen solchen Schluß zulassen. Warum aber dann solche Befestigunsmühen? Oder wollte man vielleicht ein Zentralheiligtum schützen? Bleiben schon die Beweggründe im Unklaren, die eine ganze Bevölkerung sicher viele Jahrzehnte lang über 40.000 m³ bewegen ließen, so lassen sich auch die Bebauer bisher nicht ermitteln. Die damalige Urbevölkerung wäre dafür nicht fähig gewesen. Die Kelten, denen der Bau zugeschrieben wird, haben an keinem Ort in dieser Weise Mauern errichtet. Das Ineinanderfügen megalithischer Bauwerke durch Eichenzapfen findet sich höchstens beim Heiligtum im griechischen Delphi oder in Mykene. Was aber hat hier hellenischer oder mykenischer Einfluß zu suchen, der nicht nur den Archäologen auffiel?

Mit Sicherheit gelangten zu Zeiten von Julius Caesar Römer in die Gegend zwischen Vogesen und Rhein, errichteten auf diesem Berg "Altitond' ein Castellum und hielten die Gegend bis um das Jahr 400 besetzt. Feen- und Opfersteine sowie eine Druidenhöhle bezeugen aber, daß dieser Berg schon immer kultischen Diensten diente. Man vermutet als eigentlichen Mittelpunkt eine Sonnenkultstätte an dem Platz der heutigen Michaelskapelle. Christliche Jahrhunderte weihten gern solche nach Osten ausgerichteten Anbetungs- und Meditationsstätten dem Erzengel Michael. In alten Zeiten, wie heute, behauptete man, daß das Licht der inneren wie äußeren Sonne uns nicht direkt erreicht, sondern nur über die Spiegelung der Planeten und Sterne. Dieses indirekte Licht und seine schöpferische Potenz repräsentiert Michael, dessen Name bedeutet: Wer ist wie Gott? Und scheinbar geht es jeden Morgen neu im Osten auf und steht von daher für jede neue höhere Windung unserer Lebensspirale wie überhaupt für jede Art von Neubeginn.

Während der Regierungszeit der Merowinger, des ersten fränkischen Königsgeschlechtes, stellte die Familie der Ettichonen die Herzöge des Elsaß. Erster historisch nachweisbarer Vertreter dieses Geschlechtes und vermutlich Ahnherr ist Etticho, dessen Tochter Odilie um 660 im heutigen Obernai am Fuß des Berges das Licht der Welt erblickte.
Zahlreiche Legenden ranken um beide Personen. So soll Odilie blind zur Welt gekommen sein, wurde deswegen von ihrem Vater verstoßen und von der Mutter heimlich in das iroschottische Frauenkloster Baume-les-Dames im damaligen Burgund gebracht. Dieses Kloster liegt ganz in der Nähe der Grotte von Maria Magdalena, die hier ihren ersten Aufenthalt nach dem Verlassen Palästinas genommen habe.
Ein Bischof von Regensburg mit Namen Erhard hatte in dieser Zeit eine Vision, in einem Kloster mit Namen Balma (Höhle?) ein blindes Kind auf den Namen Odilie (Sol Dei = Sonne Gottes oder Sol Deus = Gott ist die Sonne) taufen zu sollen. Er identifizierte Balma mit Baumes-les-Dames und taufte dort die nun Zwölfjährige, die dabei umgehend sehend wurde.

Als diese Nachricht den Vater Etticho erreichte, nahm er sein Kind wieder in Gnaden auf. Als bald aber die ersten Freier auftauchten, widersetzte sie sich einer politisch landesherrrlich ausgerichteten Heirat und entzog sich durch Flucht nach Arlesheim bei Basel. Hier allerdings beginnt ein eigener Legendenstrang, der Odilie mit der. dortigen Initiationsstätte in Verbindung bringt. Die Fliehende hört schon die Rosse der nachsetzenden Mannen ihres Vaters und fleht in ihrer höchsten Not zu Gott. Da öffnen sich vor ihr die Felsen und nehmen sie als Taubenmetamorphose auf, um sich hinter ihr gleich wieder zu schließen. Erst als der Vater ob dieses Wunders zur Einsicht kommt, öffnet sich der Felsen erneut und eine (aus)strahlende Odilie steht vor ihm.

Wie auch immer der Sachverhalt berichtet wird, in allen Fällen soll Etticho dem Wunsche seiner Tochter, sich Gott ganz hingeben zu wollen, nachgegeben und ihr auf dem Berg ein Kloster errichtet haben, das älteste Frauenkloster im Rheintal. Odilie wird erste Äbtissin, und ihre Liebe zu Armen und Kranken zog viele Notleidende aber auch zahllose Mitschwestern auf den heiligen Berg.
Als sie im Jahre 720 verstarb, wurde sie wie ihr Vater im Kloster beigesetzt. Da viele der armen Pilger an ihrem Grab Erhörung fanden, entstand an dieser Stelle schon früh ein Wallfahrtsort, der bedeutendste im Elsaß und am Oberrhein. Die Nachkommen Ettichos sorgten für Schutz und Förderung des Klosters, damals Hohenburg genannt, und nach der karolingischen Reichsteilung galt es als das große Heiligtum Lotharingiens.

Zur Zeit der Staufer ließ Kaiser Barbarossa, der Odilie und diese Stätte sehr verehrt haben soll, Kloster und Kirche neu erbauen und berief als Äbtissin Relindis, die dort eine Schule für Fürstentöchter des Reiches leitete. Ihre Nachfolgerin war Herrad von Landsberg (1167-1195), die den berühmten Hortus Deliciarum (Paradiesgarten) verfaßte, eine Art christlicher Enzyklopädie in Form einer bebilderten Handschrift voller mystischer Tiefen, die leider nur noch in Teilen und als Abschrift erhalten blieb. Spätestens in dieser Zeit blüht auf dem Berg ein Zentrum der Mystik und spirituellen Schulung, dessen strahlendes Licht bis in ferne Länder drang. Kriegswirren, Reformation und später die Französische Revolution stellten das Heiligtum vor große Belastungsproben.

Erst seit 1853, als die katholische Bevölkerung des Elsaß durch Spenden den Berg aus Privathand zurückkaufte, lebte die Wallfahrtsstätte wieder auf. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges leisteten Ortsansässige ein Gelübde ewigen Gebetes in der Klosterkirche, wenn sie von den Kriegswirren verschont würden. Sie blieben verschont, und seitdem wird hier ununterbrochen Tag und Nacht gebetet, was ein Fluidum schuf, dem man sich kaum entziehen kann. Auf dem Hintergrund dieser Geschichte zwischen Legende und Historie ranken alte und neue phantastische Stränge.

Schon im Jahre 656 hatten die Pippiniden im austrasischen Teil des Frankenreiches versucht, die Macht an sich zu reißen, und den unmündigen Sohn des letzten Merowingerkönigs scheren und ins Exil schicken lassen. Etticho war es, der bis nach Irland reiste, um diesen schon sagenhaften Merowingersproß Dagobert II. zu suchen. Er fand ihn in einem Kloster. Dieses Beharren an den Priesterkönigen der Merowinger führte sich auf deren heilige Abstammung zurück, die sie u.a. durch ihre langen gelockten Haare dokumentierten.
Nach einer vermutlich erst späten Legende fuße diese Heiligkeit auf der Abstammung von Maria Magdalena, die als "Braut Jesu" ein Kind von diesem "unter dem Herzen getragen" habe. Was in der Symbolsprache ein inneres Feuer, eine neue Anlage und Aufgabe bedeutet, paßten gewisse Adelshäuser ihrem eigenen Verständnis an, um darüber - bis heute - einen verstärkten und erhöhten Machtanspruch zu legitimieren. Gerade über die Nachkommen Dagoberts II, führen sich Geschlechter in England und Frankreich bis heute auf die Merovinger zurück.

Eine andere frühmittelalterliche Legende (so bei den fränkischen Historikerm Breda und Walahfried Strabo) bringt Maria Magdalena als Ehefrau mit dem Evangelisten Johannes in Verbindung, die bei der Hochzeit von Kanaan geheiratet hätten. Aus anthroposophischen Kreisen stammt eine Theorie, die frühe Auseinandersetzung zwischen Etticho und Odilie beruhe vielleicht auf der unterschiedlichen Auslegung des Christentums: die Ettichonen (auch später) mit starker Protektion für die Iroschotten, Odilie für die römische Kirche.
Auf dem Odilienberg sollte ein esoterisches Zentrum als Gegengewicht zur Byzantinischen Kirche eingerichtet werden, wird sogar behauptet. Papst Nikolaus I. (858-67), der nichts unterließ, das Primat des Papstes gegenüber Byzanz, dem Kaiser und den Landesherren zu stärken, soll in dieser Sache im ständigen Briefverkehr mit dem Kloster auf dem Odilienberg gestanden haben. Auch im Christentum büßt dieser Berg also nichts an seinem Rang und seiner Ausstrahlung ein. Man erklärt dies oft mit dem Charisma einer Heiligen, des großen Wirkens der Odilie.
Doch tauchen noch andere Merkwürdigkeiten auf, die diesen Ort zu einer Quelle vitaler Trieb- und Lebenskraft stempeln, ihn immer wieder in den Brennpunkt wichtiger Geistesströme stellen. Ein starker Glaubensgegensatz zwischen Odilie und ihrem Vater läßt sich nicht unbedingt festmachen. Auch sie wurde in einem iroschottischen Kloster erzogen. Schließlich flieht sie vor ihrem Vater und ihrem potentiellen Gatten nicht in irgendeine Kirche, sondern zu einem alten keltischen Heiligtum in Arlesheim. Wir wissen vom iroschottischen Chtistentum, daß es auf einer engen Durchdringung von keltisch-druidischer Metaphysik und Früh-Christentum basierte.

Der Jünger, Essener und angesehene Abgeordnete des Jerusalemer Sanhedrin, Josef von Arimathäa, kam, einer örtlichen Tradition zufolge, bis nach Glastonbury, wo er gelehrt, den ersten Samen des christlichen Glaubens gesät und den heiligen Gral aufgestellt habe. Nach Josef sollen schon im 2. oder 3. Jahrhundert koptische Mönche aus Ägypten die grüne Insel erreicht haben. Einige bedeutende Lehrer der irischen Kirche, z.B. Columkille und Kieran, waren ursprünglich selbst noch Druiden, also eingeweihte keltische Priester und Gesetzgeber. Dies führte auf dieser Insel offensichtlich zu einer "anstößigen" Beschäftigung mit Seelenwanderung, Wiederverkörperung und mystischem Tod zu Lebzeiten. Gott rettete Odilie unter dem Symbol einer Taube, lateinisch Columba, und diesen Namen trug der Gründer der iroschottischen Mönchsbewegung auf dem Kontinent. Hebräisch wird das Symbol der Taube IONA ausgedrückt, und dies wiederum ist der Name der ältesten irischen Mysterienstätte. Die Taube steht aber auch für eine reine Seele und in diesem Sinne für die alten vestalischen Priesterinnen, die Hüterinnen des heiligen (inneren) Feuers, und - allgemeiner - für einen Wechsel des Lebensgeistes hin zu einer anderen Seinsart oder Bewußtseinsebene. Als Äbtissin, so wird überliefert, zog Odilie mit Begeisterung irische Frauen in die Reihen ihrer Klosterbewohner.

Auf dieser alten Sonnenkult- und Mysterienstätte treffen also die Linien Maria Magdalenas vielleicht mit einem Christentum zusammen, das über Irland von Josef von Arimathäa ausging. Doch stoßen wir hier seltsamerweise noch auf einen dritten Jünger, sogar auf einen Apostel und Evangelisten. Nach einer mittelalterlichen Legende bestiegen nach dem Tode Jesu Lazarus mit seiner Schwester Martha und Maria von Bethanien (allem Anschein nach zugleich Maria Magdalena, seine Schwester oder Gattin), und Maria, der Mutter Jesu, ein Schiff, steuerten nach Frankreich und gingen in Marseille an Land. Während sich die Spur der anderen verliert, soll Lazarus erster Bischof von Marseille geworden sein. Esoteriker vermuten hier allerdings eine Verwechselung mit einem historischen Bischof Lazarus dieser Stadt im 6. Jahrhundert. Die Reliquien "des Originals" sollen jedenfalls im 4. Jahrhundert dort aufgefunden worden sein. Seltsamerweise taucht die Kopf- und eine Armreliquie des Lazarus später in Niedermünster auf, einer Spital- und Klostergründung am Fuß des Berges, die Odilie noch selbst ins Leben rief, um Schwachen und Kranken den Weg auf den Berg zu ersparen.

Nach der frühen Zerstörung dieses Klosters gelangten die Gebeine des Jüngers in das benachbarte Andlau, wo sie noch heute in der Krypta der romanischen Kirche gezeigt werden. Die Lazarusgeschichte im Johannesevangelium beschreibt nun aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ein Wunder Jesu, sondern eine etwas verwirrende Geschichte um die Auferweckung von einem dreieinhalbtägigen Initiationschlaf, der vor allem bei den Essenern gebräuchlich war. Die Essener, eine nichtjüdische Sekte, stellten sich in die spirituelle Pharaonentradition der 18. Dynastie, die wiederum in Ech-n-aton (oder Amenophis IV.) ihren bedeutendsten Glaubensverkünder hervorbrachte. Wie schon sein Vater Josef sollen Jesus und viele seiner Junger Mitglieder dieser Essenersekte gewesen sein. Nach jener Lesart also legte der "auferstandene" Lazarus seinen alten Namen ab und erhielt den mystischen Namen Johannes, womit der Evangelist also wohl über sich selbst erzählt.

Der mehrtägige lnitiationsschlaf in einem Erd- oder Felsengrab ist auch in Europa bekannt, doch könnte er auch über Einflüsse aus dem Land der Israeliten eingeführt worden sein. Die Inhalte dieser Initiation berührten sicherlich hauptsächlich die Geburt eines neuen Menschen nach der willentlich herbeigeführten drastischen und hautnahen Todeserfahrung. In der ersten Nachtodphase soll der Mensch u.a. bestimmte Eindrücke aus dem geistigen Bereich empfangen, die ihn stark prägen und ihn zum eigenen unbestechlichen Richter über sich selbst machen. Dieser Vorgang wurde hier vorweggenommnen und führte sicherlich zu unauslöschlichen Eindrücken und Änderungen der Charakterstruktur.

In der Kreuz-Kapelle auf dem Odilienberg befindet sich der Steinsarkophag Ettichos, sein sogenanntes Grabmal. Eine altehrwürdige Tradition will in solchen Steinsärgen nur Heilige oder Eingeweihte begraben sein wissen, so der hl. Bernward in Hildesheim, und der hl. Wita in Bad Hersfeld. Auch die hinter der Tränenkapelle in den Felsen eingehauenen Gräber mit Kopfnischen werden für einen Friedhof gehalten. Man bezeichnet sie als merowingisch, da sich erst in dieser Zeit die Einzelbestattung durchsetzt. Doch sind es genau diese sogenannten Gräber, die hier wie an ähnlichen Orten, so auch in Andlau, mit der Tradition dieser Initiation in Verbindung stehen. Jeder, der vor den Felsengräbem steht, sieht sofort, daß die flachen Aushebungen wenig Sinn für ein wirkliches Grabmal machen.

Eine weitere abenteuerliche Legende tradieren freimaurerische und rosenkreuzerische Organisationen. Danach habe es um 1000 v. Chr. einen ersten Exodus aus dem Lande Palästina gegeben, wobei der 12. Stamm, die Benjaminiter, aufgrund einer kaum zu klärenden Verfehlung an der jüdischen Religion ins Exil getrieben wurde. Über Griechenland (Mykene und Sparta; siehe dazu auch 1 Makk. 12, 5ff) gelangten einige von ihnen an die Gestade des heutigen Frankreich und sollen sich von dort aus zu den keltischen und germanischen Hauptkulturzentren begeben haben. Die ältesten germanischen Adelsgeschlechter der Völkerwanderungszeit werden auf benjaminitische Priesterkönige zurückgeführt, so z.B. bei den Goten, Böhmen, Franken.

Der Name Elsaß lautete früher wohl auch Elisaza und Elisazonolant. Ein Hauch von hebräischer Lautverschiebung? Jüdische Namen begegnen dem aufmerksamen Sucher im Elsaß und in Lothringen häufiger. Elisaza birgt den Namen Elisa, Prophet und Schüler des Elias, dem ähnliche Wunder wie später Jesu zugeschrieben werden und der den berühmten Mantel seines Meisters erbte, Symbol für die Nachfolge und Bewahrung einer geschätzten und beschützenden Lehre und Befugnis. Die Schule des Elias hatte ihren Sitz auf dem Berg Karmel, auf dem später die Essener ihr Stammkloster errichteten. Die Essener wiederum sollen auf ihre ägyptischen und gar atlantischen Wurzeln bestanden haben. Deuten die sogenannten Atlanterhände, die an der Mittelsäule der Kreuzkapelle neben dem Ettichosarg das Fußkapitell stützen, auf eine viel ältere Tradition?